Legionär, Koch, Wissenschaftler

20. August 2019

Die experimentelle Historie wurde beim Kinderspiel im Schlosspark grundgelegt: Der Lustheimer Historiker Markus Junkelmann wird 70

BJunkelmann Parkruchstückhaft ist unser historisches Wissen um die ferne Vergangenheit, insbesondere, wo es sich um Alltagsdetails handelt. Wie schmeckte ein Linseneintopf im römischen Feldlager – und welche Konsequenzen hatte er beim Exerzieren…? Wie konnte man mit damaligem Equipment zu Pferd kämpfen? Fochten Gladiatoren so wie Russel Crowe im Hollywoodfilm und ging es beim Wagenrennen so zu wie in „Ben Hur“?

Neben Quellenexegese und archäologischer Forschung hat der Historiker Markus Junkelmann das praktische Experiment in die Alte Geschichte eingeführt. 1985 zog er mit sieben weiteren „Legionären“ in akkurat nachgebildeter römischer Ausrüstung und Marschgepäck von Augsburg über die Alpen gen Rom und konnte mit diesen Erkenntnissen am eigenen Leib diverse Vermutungen aus den Denkerstübchen der Altertumswissenschaft bestätigen – oder eben widerlegen.

„Die Legionen des Augustus“, die wissenschaftliche Dokumentation der Pioniertat, ist ein Meilenstein in der Althistorie geworden, mittlerweile bei der 15. Auflage angekommen. Junkelmann hatte ein neues Feld eröffnet, das er nach der Popularität des „Alpenfeldzugs“ weiter erschließen konnte: auf dem Pferd entlang des Limes mit drei Bänden über „Die Reiter Roms“ oder als Berater und Ausstatter bei Gladiatorenspielen mit diversen Veröffentlichungen, etwa „Das Spiel mit dem Tod“. Wahrnehmung und Vermittlung römischer Geschichte wie auch lateinischer Sprache hat er damit grundlegend verändert.

So spielerisch die Verkleidungen, Ritte und nachempfundenen Kämpfe anmuten, so spielerisch waren auch ihre Wurzeln – im Schleißheimer Schlosspark. Im Schloss Lustheim ist Historiker Junkelmann aufgewachsen; Vater Erich, menschenscheuer Komponist und Universalgelehrter, hatte das Refugium ohne Telefonanschluss und fließendes Wasser gewählt, um abgeschieden der Kunst zu leben.

„Für die Kinder war das ein idealer Spielplatz“, erinnert sich Sohn Markus, dessen Schleißheimer Schulkameraden gerne durch den Park streiften oder die damals noch teilweise verfallenen und verwunschenen Gemäuer erkundeten. Mutter Charlotte schneiderte ihrem Einzelkind leidenschaftlich historische Kostüme, so dass der kleine Markus schon auf Kindesbeinen als Römer oder Ritter, Musketier oder Rokokoknabe durch den Park zog.

„Schon damals hab ich immer versucht, alles möglichst genau nachzumachen“, erinnert er sich. Diese Leidenschaft für Authentizität bekam im Studium dann erstmals ein Seminarleiter zu spüren, der anhand der Kämpfe mit Hannibal über das Marschgepäck römischer Soldaten dozierte – und vom Studenten Junkelmann daraufhin dessen hypothetisches Gepäck auf’s Katheder gelegt bekam. Ergebnis: für einen Dozenten genauso wenig zu schultern wie für einen Soldaten vor 2000 Jahren.

Das Elternhaus in einem historischen Schloss, angefüllt mit musealen Stücken des sammelnden Vaters, die Beschäftigung ausschließlich mit Kulturgut und Historie, Urlaube stets in Museen – zwei jährliche Reisen nach Rom waren Pflichtprogramm -; spätestens der pubertierende Sohn hätte gegen diese Parallelwelt rebellieren können. Markus Junkelmann hat diese Orientierung stattdessen aufgesogen und „voll verinnerlicht“, wie er sagt: „Bei mir hat alles schön gemeinsam in eine Richtung gewirkt.“

Markantester Akt einer gewissen Abnabelung war sein Faible seit jeher für Militärgeschichte. Dieser historische Aspekt war dem Vater, einem mehrfach verwundeten Veteranen des Ersten Weltkriegs, eher suspekt gewesen, aus Fürsorge hatte er bei der gemeinsamen Lektüre von Geschichtswerken etwaige Schlachtenbilder stets überblättert, der Bub bekam auch kein Kriegsspielzeug. Sohn Markus bestritt dann schon seine Magisterarbeit mit einer kriegsgeschichtlichen Untersuchung von Napoleons Niederlage bei Waterloo und 1979 promovierte er mit einer Arbeit über „Kurfürst Max Emanuel von Bayern als Feldherr“.

Zur Militärgeschichte hat er auch diverse Bücher über den US-Amerikanischen Bürgerkrieg vorgelegt, über Napoleons Feldzüge und über den Feldherrn Tilly im Dreißigjährigen Krieg. Eine Neuauflage seines Gladiatorenbuchs ist gerade in Arbeit, ebenso eine erweiterte Neufassung eines römischen Kochbuchs, „Römische Naschkatzen“. Auch am Herd hat er die römischen wie später die barocken Rezepte einem modernen Praxistest unterzogen und damit auch dem altphilologischen Laien – im Wortsinne - schmackhaft gemacht.

Die Kinder- und Jugendzeit Junkelmanns war eine Blütezeit des Historienfilms. Schleißheim besaß damals gleich zwei „Filmtheater“, Reiter und Teufl, und der kleine Marcus war bei den meisten dieser Monumentalschinken dabei, oft gleich mehrfach: „Film kann so etwas wie eine Zeitmaschine sein.“ Aus dem Ärger oder Amüsement schon des heranwachsenden Geschichtsbegeisterten über die zahllosen historischen Fehler darin resultierte später das dickleibige Standardwerk „Hollywoods Traum von Rom“.   

„Durch seine zum Teil spektakulären Unternehmungen, durch seine Bücher, Artikel und Filme hat er gezeigt, dass seriöse historische Forschung nicht nur anschaulich und kurzweilig, sondern sogar für ein großes Publikum faszinierend sein kann“, attestierte der große Münchner Altphilologe „Valahfridus“ Stroh in einer Laudatio auf Junkelmann. Römische Themenparks oder lateinische Veranstaltungen wären ohne Junkelmanns Forschungen nicht denkbar. Neben Lehraufträgen an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Bundeswehr-Universität Neubiberg arbeitet Junkelmann als freier Historiker, hält Vorträge und berät und gestaltet historische Aufführungen. 2012 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden.

Freilich war und ist Max Emanuel als Erbauer des Junkelmannschen Elternhauses „von Babyzeiten an mein Leib- und Magenthema“, schildert der Historiker. Neben der Dissertation hat er über die für Max Emanuel, Bayern und Schleißheim wegweisende Schlacht bei Höchstädt eine Monografie vorgelegt, ganz aktuell ist im Herbst 2018 seine Biografie über Max Emanuel im Regensburger Pustet-Verlag erschienen. An einem magnum opus über den „Blauen König“ arbeitet Junkelmann seit Jahren.

Zum 350. Geburtstag des Kurfürsten 2012 hat Junkelmann in Schloss und Park ein „Churbayerisches Freudenfest“ inszeniert, mit dem er ebenfalls in maximaler Authentizität die barocke Feierkultur vermittelte. Die Festivität mit Reiterspielen, Tanzaufführungen und original zeittypischer Verpflegung erlebte 2018 eine Wiederholung und sollte in Serie gehen, was aber bislang an der Organisation scheitert; die Gründung eines Trägervereins „Geschichte als Fest“ ist in Arbeit. Als weitere historische Reminiszenz an seine Heimat Schleißheim ist unter dem Arbeitstitel „Schwaiger, Klausner, Musketiere“ ein Spektakulum im Alten Schloss über die Zeit des Kurfürsten Maximilian in Vorbereitung.

1985 hat Junkelmann zu einem historischen Jubiläum der Gemeinde Oberschleißheim die Festausstellung mitgestaltet, 2010 bei der nächsten großen historischen Feier mit dem Hauptteil der neuen Gemeindechronik das Standardwerk über Schleißheims Vergangenheit aufgelegt und beim Festabend mit lebenden Bildern die Historie anschaulich gemacht. Nach dem Tod des Vaters waren Mutter und Sohn 1965 aus Schloss Lustheim in eine Gemeindewohnung an der Mittenheimer Straße gezogen, in der bis dahin die Gemeindeverwaltung untergebracht war. Nach dem Tod der Mutter 1981 verließ Junkelmann 1984 Schleißheim. Heute lebt er mit Lebensgefährtin Marlies Höbel bei Mainburg.

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