Behagliche Wohnlichkeit´, immer wieder erneuert

02. Oktober 2018

Seit sich jenseits der Schlossmauern ein Ort zu entwickeln begann, das spätere Oberschleißheim, war der "Blaue Karpfen" wohl schon dabei. Auf einem ersten Ortsplan von 1808 soll die Gaststätte am Dachauer Kanal schon erkennbar sein. Das erste schriftliche Zeugnis über die "Gast- & Tafernwirtschaft" ist ein Kaufvertrag von 1879, mit dem der Dachauer Metzgergeselle Kaspar Maier und seine Braut Maria Pröbstl das Anwesen für 30.857 Mark erwarben. Seit dem Tag ist der "Blaue Karpfen" in Familienbesitz! BlauerKarpfen

Laut notariell beglaubigtem Vertrag umfasste das Anwesen mit der Hausnummer 6 eine Gaststätte, ein Wohnhaus, Stall und Stadel, ein Sommerhaus, eine Hoffläche und ein paar über das Hinterland verstreute Felder. Ausdrücklich ausgenommen vom Übergang des Eigentums blieben freilich "ein Dutzend Porzellan-Suppenteller, ein Dutzend ditto flache Teller", diverse Töpfe, Tiegel und Pfannen, "zehn Halbelitergläser mit bemalten Porzellandeckeln, zwei steinerne Literkrüge mit Zinndeckeln" und weitere Küchenutensilien, die sich die Verkäuferin, die Witwe Katharina Pöttinger, für ihren neuen Hausstand vorbehielt.

Einigermaßen außergewöhnlich ist der fast schon poetische Name für das Wirtshaus, was im 19. Jahrhundert bei Dorfwirtshäusern eher nicht üblich war. Wahrscheinlich brauchte die Gaststätte eine Abgrenzung zur definitiv älteren Schlosswirtschaft im Schlossensemble. Und dass die Namensfindung mit dem unmittelbar am Haus vorbei führenden Kanal in Richtung Dachau zu tun hatte, liegt nahe.

Kaspar Maier hat als gelernter Metzger wohl erst einen solchen Laden ans Wirtshaus angegliedert. Zum Schlachthaus musste das Vieh durch den Laden geführt werden. Das Bier lieferte die Münchner Hackerbrauerei. Zur Kühlung wurde ein Eiskeller auf dem Anwesen mit Eis aus einem nahen Bachlauf und einem Weiher in der heutigen Ertlsiedlung gekühlt. In der Stallung des Hofes konnten Pferde von Durchreisenden über Nacht eingestellt werden. 1886 legte der Wirt auf dem Hof entlang der heutigen Mittenheimer Straße eine 23 Meter lange Kegelbahn mit einem Salettl an.

Eine große Krise erlitt der Betrieb, als der Eigentümer 1911 so schwer erkrankte, dass er seinen Betrieb dem Staatsgut im Schloss, das eine eigene Brauerei betrieb, zum Verkauf anbot. Ein Abschluss kam aber nicht zustande, die Familie Maier erholte sich wieder.

Nach 50 Jahren, in denen Schleißheim massiv sein Gesicht verändert hatte und insbesondere durch die Ansiedlung des Flugplatzes 1912 explosionsartig gewachsen war, musste auch der "Blaue Karpfen" moderner und größer werden. Sohn Franz Maier als neuer Wirt ließ im April 1929 das alte Haus abreißen und jenes Gebäude erstellen, in dem heute noch Gaststättenbetrieb ist. Während der Bauarbeiten betrieben die Wirtsleute eine provisorische Kantine im Garten. Im Oktober 1929 wurde neu eröffnet.

Das Bier kam jetzt vom Münchner Hofbräuhaus. Die Gastwirtschaft bot nun auch fünf Fremdenzimmer. Und der zuvor knapp 100 Quadratmeter große Saal wurde durch einen dreimal so großen Festsaal im Obergeschoß ersetzt. In diesem Saal spielte sich nun jahrzehntelang das gesellschaftliche Leben Oberschleißheims ab, Faschingsbälle, Josefifeier, Maitanz, Theateraufführungen, Kindergartenfeste, Weihnachtsfeiern, Bürgerversammlungen und Dutzende Vereinsfeste, Hochzeiten und private Feiern und Jubiläen. Die Kegelbahn wurde in den 1950er Jahren abgerissen.

Die neue Ära des "Blauen Karpfens" leitete der zweite Franz Maier in der Ahnenreihe ein, als er 1968 ein Hotel auf dem Grundstück errichten ließ. Drei Unternehmen – Metzgerei, Gaststätte und Hotel – ließen sich aber im Familienbetrieb nicht mehr stemmen. Die Metzgerei wurde geschlossen, an ihrer Stelle wurde ein Zwischenbau zwischen Hotel und Gaststätte errichtet, einzig die alte Räucherei ist noch vorhanden. Als Maria Maier starb, die in der Gaststätte die Köchin war, wurde 1985 auch das Lokal verpachtet, der Saal wegen statischer Bedenken stillgelegt.

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