wird modern

Rechtzeitig zu ihrem 50. Geburtstag

wird die Regattaanlage der Olympischen Spiele von 1972 für rund 60 Millionen Euro saniert.

Nachhaltigkeit war 1969ff eher noch keine Kategorie der öffentlichen Debatte. Ein Projekt, bei dem 65 Millionen D-Mark verbaut, 2,8 Millionen Kubikmeter Erde bewegt und die Biologie wie die Topografie einer kompletten Region umgestaltet wurden, war freilich geschaffen, um zu bleiben. patrickfrost 8152

Ursprünglich sollten die Ruder- und Kanuwettbewerbe der Olympischen Spiele von 1972 im Tölzer Land angesiedelt werden, wie im Bewerbungskonzept noch festgeschrieben. Die fast schon spontane Umorientierung im Vorfeld nach Schleißheim hatte eine ihrer ganz wesentlichen Begründungen darin, näher an der Landeshauptstadt eine zukunftsträchtige Sportstätte zu schaffen, die München dauerhaft zugutekommen sollte.

Das ist gelungen. Die Schleißheimer Regattastrecke genießt wegen ihrer optimalen sportlichen Bedingungen nicht nur Weltruhm bei Ruderern und Kanuten, hier tummeln sich auch Triathleten, Drachenboote, Radfahrer, Inlineskater, Beachkicker und Beachvolleyballer, Badegäste und neuerdings „Muddy Angels“, Hindernisläuferinnen, die durch Schlamm robben.

Weniger nachhaltig gerieten allerdings die Ideen, wie das denn dauerhaft finanziert werden könnte: eine 85 Hektar große Anlage mit einem zwei Kilometer langen Wasserbecken, einer über 200 Meter langen betonierten Tribünenanlage für 25.000 Besucher, 2400 Parkplätzen, Bootshallen, Wettbewerbsinfrastruktur auf Weltniveau, Unterkunfts- und Verwaltungsgebäuden, einer Sporthalle und einem Landschulheim…

Der gedankliche Ansatz, dass dieses olympische Projekt nicht nur in der Investition, sondern auch im Unterhalt eine übergreifende Aufgabe sei, die sich folglich Bund, Land und Stadt zu teilen hätten, geriet in Bonn und in der bayerischen Staatsregierung bald in Vergessenheit; 1992 kaufte sich die Bundesrepublik mit einer Ablösezahlung von 6,8 Millionen D-Mark aus ihrer Beteiligung frei, 2011 stellte auch der Freistaat Bayern die Co-Finanzierung ein.

Die Stadt München nun brauchte ihre Zeit, sich gedanklich mit einer gigantischen und nicht gerade günstigen Sportstätte anzufreunden, deren Startbereich zwar auf Stadtgebiet lag, die Anfahrt zur Anlage aber weit hinaus ins Hinterland führte. Außer jährlichem Unterhalt im mittleren sechssteiligen Bereich ließ das Rathaus dieses olympische Erbe einigermaßen darben. 2007 mussten schon Teile der Tribüne und des Zeitnahmeturms zur Sicherheit abgebrochen werden, weil sie baufällig waren, das Schullandheim wurde von Aufsichtsbehörden wegen mangelhaften Brandschutzes 2015 zugesperrt.

Infrastruktur und Technik sind völlig vormodern, diverse Details nach über 45 Jahren im Argen. Die großen Veranstaltungen des Rudersports, die sich stets der idealen Bedingungen wegen nach Schleißheim gedrängt hatten, zogen sich nun mehr und mehr von der Regattastrecke zurück.

2015 hat sich der Münchner Stadtrat dann der Zukunft der Anlage angenommen und zunächst mal die Grundsatzfrage entschieden, sie überhaupt erhalten zu wollen. Die Sportfachverbände haben dafür gekämpft, dass die Ausrichtung der großen Regatten wieder möglich werden solle, der Verein „Regatta München“ hat eine Petition initiiert. Die Erstellung der konkreten Konzepte dafür zog sich nun bis Ende 2019 hin.

Eine völlig neue Dimension erhielt die Debatte, als das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege 2018 das komplette Ensemble unter Denkmalschutz stellte. Neben ihrem Wert als Teil der Spiele von München als Gesamtkunstwerk attestierte die Fachbehörde eine „Einheit von Architektur und Landschaft“. Alle Planungsansätze, die auf Umgestaltung oder gar Abriss einzelner Anlagenteile aufbauten, waren nun Makulatur.

Unter vier schlussendlichen Planungsszenarien entschied die Vollversammlung des Münchner Stadtrats am 27. November auf Empfehlung des Sportausschusses vom 6. November einstimmig, die kostengünstigste Variante 4 umzusetzen. „Der Bedarf gemäß aktuellem Nutzerbedarfsprogramm sowie Raumprogramm des Planungskonzeptes Nr. 4 werden genehmigt“, heißt der für die Regattaanlage historische Beschlusstext, „das Planungskonzept Nr. 4 mit Projektkosten in Höhe von 61.040.000 Euro wird nach Maßgabe der Vorentwurfsplanung genehmigt“.

Das Planungskonzept Nr. 4 sieht im Groben vor, alle Bauteile zu erhalten und bautechnisch zu sanieren sowie die Infrastruktur zu modernisieren. Verzichtet wird allerdings darauf, das 1987 in das Jurygebäude eingebaute Schullandheim mit 32 Betten wieder zu ertüchtigen. Andere Planungskonzepte hätten vorgesehen, in die rückwärtige Tribüne als Ersatz eine neue „Sport- und Bildungsstätte“ mit 110 Betten und Freisportanlagen einzupflanzen. Dadurch wäre die Anlage „mit einer sinnvollen Nutzung belebt“ worden, wie es im darauf ausgerichteten Planungskonzept 1 noch hieß. Vorrangig aus Kostengründen hatte sich der Stadtrat dann aber dagegen entschieden.

In der grundlegenden Analyse heißt es, die Holzkonstruktionen der Anlage seien „altersgerecht“ verfallen, Handlungsbedarf bestehe bei allen Holzbauteilen, ebenso wie an allen Betonbauteilen besteht. Auch hier seien die Schäden „altersbedingt typisch“, eine grundsätzliche Beeinträchtigung der Statik sei nicht eingetreten. Stark belastet sei die 1969er Konstruktion allerdings mit Schadstoffen. Es seien „in großem Umfang Asbest, PCB, PCP, PAK nachgewiesen“ worden, unter anderem in den Anstrichen Holzbauteile oder den Dehnfugen der Stahlbetonbauteile. Je nach geplanter Nutzung werde hier in unterschiedlicher Intensität saniert.

Die Tribüne an der Ostseite des Regattabeckens wird von etwa 9500 Sitzplätzen auf 2500 zurückgebaut. Der verbleibende Rest wird freilich als Denkmal erhalten. Die Tribüne ist nach dem Rückbau von 2007 noch 216 Meter lang und 50 Meter tief. Der auf einem Erdwall errichtete Tribünenaufbau wird von 16 Meter hohen Stahlbeton-Pylonen im Abstand von 12,5 Metern getragen. Das Dach ragt 16 Meter weit aus.

In das ehemalige Jury-Gebäude in nördlicher Verlängerung der Sitztribüne mit einer Grundfläche von 30 auf 65 Metern über mehrere Geschosse, das gut 20 Jahre als Schullandheim genutzt wurde, zieht nun die Verwaltung der Regattaanlage um. Außerdem werden Räume für Vereins- oder Verbandsnutzung inklusive Aufenthaltsraum mit Küche ausgestattet. In die oberen Geschosse werden Ergometer zum Training aufgestellt.

Das Teilnehmerhaus westlich des Beckens mit 18 auf 126 Metern, in dem bislang auch die Verwaltung untergebracht ist, wird jetzt als reines Unterkunftshaus mit 42 Betten genutzt. Die Küche wird erneuert. Wegen der Schlafmöglichkeiten wird hier die Schadstoffsanierung maximal durchgeführt. Die an das Gebäude angeschlossene Einfachsporthalle mit 38 auf 17 Metern Fläche wird ebenfalls modernisiert.

Die drei Bootshäuser nördlich des Regattabeckens mit 38 Bootshallen werden modernisiert. Die Obergeschosse der Bootshallen B und C, wo derzeit Übernachtungen, Lehrgangsbetrieb oder Umkleiden angesiedelt waren, müssen stillgelegt werden. Das Obergeschoss im Bootshaus A wird mit Umkleide- und Lagerräumen für die Vereine ausgebaut.patrickfrost 7174

Der sechsgeschossige Zielturm mit einer Höhe von 20 Metern wird saniert, nach 1972 vorgenommene Umbauten werden entfernt. Ebenfalls überarbeitet werden die drei zehn Meter hohen Starttürme an den 2000m-, 1500m- und 1000m-Marken. Das einzig verbliebene Kassenhäuschen wird nicht wieder genutzt, sondern lediglich denkmalgerecht konserviert.

Bei der Naturtribüne am Westufer des Regattabeckens werden drei der sieben Sitzreihen mit neuen Holzauflagen belegt. Der um das Regattabecken laufende sechs Meter breite Weg mit über fünf Kilometern Länge wird neu asphaltiert. An drei Stellen ist er an das öffentliche Straßen- und Wegenetz angebunden. Auf dem Weg zu den Parkplätzen befanden sich ins Gelände eingelassene WC-Anlagen, die schon stillgelegt sind. Die beiden Wohnhäuser für Betriebsangehörige auf dem Gelände unterliegen dem laufenden Gebäudeunterhalt der Stadt, eine Sanierung ist derzeit nicht erforderlich.

Die Freiraumgestaltung aus den 1970er Jahren bleibt bestehen. Die großzügig angelegten Wiesenflächen, Baumreihen und Wege bleiben gemäß Denkmal- und Naturschutz erhalten. Ortsfremde Bäume sollen entfernt werden. Für die Erholungsnutzung soll ein besseres Leitsystem in Form von Beschilderungen, Informationstafeln und sanierten Wegen erstellt werden.

Der Großparkplatz, seinerzeit mit Straßenpflaster angelegt, das beim Umbau der Münchner Innenstadt entfernt worden war, bleibt bestehen und wird durch barrierefreie Stellplätze und beleuchtete Frauenparkplätze ergänzt. Im südlichen Bereich wird der ursprüngliche Busparkplatz entsiegelt und zu Stellplätzen umgebaut. Der Zufahrtsbereich von der Bundesstraße B471 her wird neu geordnet.

Losgehen soll es noch heuer mit unumgänglichen Maßnahmen. Ein Teil der Arbeiten, insbesondere an den Außenanlagen, wurde aus dem vom Stadtrat freigegebenen Volumen ausgeklammert und soll noch ohne Kostenschätzung als zweiter Bauabschnitt nachgeholt werden. Die Bauarbeiten des ersten Abschnitts sind im Finanzplan der Stadt bis 2024 angelegt. An Gesamtkosten wurden für Etappe eins rund 52 Millionen Euro errechnet, mit dem üblichen Risikopuffer wurden 61 Millionen Euro freigegeben.

Die Regatta-Anlage soll laut Baureferat des Münchner Rathauses „auch während der Baumaßnahme zu Trainings- und Wettkampfzwecken für den Wassersport weitestgehend zur Verfügung stehen“. Als Zielpunkt der Bauarbeiten seien die nach Schleißheim vergebenen European Championships 2022 „berücksichtigt worden“. Zu der Veranstaltung würden bereits wesentliche bauliche Maßnahmen abgeschlossen sein, so dass die Veranstaltung nicht beeinträchtigt sei.

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.