Vier Jahre nach seinem Aufbruch

von Düsseldorf nach München heiratete der Graveur und Kunstmaler Otto Hupp im Mai 1882 Franziska Eilhammer...

und mietete sich mit ihr im aufgelassenen Kloster Mittenheim ein. Schon als Bub hatte das Großstadtkind Hupp bei Landpartien mit dem Vater nach seinen eigenen Worten „die innige Liebe zu Wald und Feld und Bach" kennengelernt, „auch zu den leiblichen Genüssen der Landwirtschaft, vor allem zu der Ellenbogenfreiheit, die das Land gewährt". So wollte er in der Abgeschiedenheit von Mittenheim „mit der jungen Frau mich aufs liebe Land hinaussetzen, um ein paar größere Aufträge in der Ruhe des Honigmonds auszuführen".

Vom Kloster Mittenheim auf dem Fußweg zum Schleißheimer Bahnhof war damals die Gaststätte „Blauer Karpfen“ das erste Haus, das am Weg lag; maximale „Ellenbogenfreiheit“ also für einen jungen Künstler jenseits der gerade boomenden Kunstmetropole München. Dass er nach verlängerten Flitterwochen aber wieder in die große Stadt zurück müsse, um an Kontakten und Aufträgen dran zu bleiben, schien dem 23jährigen klar: „Denn wo sollte ich hier Aufträge hernehmen?“ In seinen Erinnerungen konnte er freilich 45 Jahre später bilanzieren: „Aber die Aufträge kamen ungerufen, und der Honigmond - blüht heute noch".

Die Gestaltung von Abzeichen und Medaillen für das Deutsche Bundesschießen in München war einer der ersten Aufträge des jungen Künstlers, mit dem er nach Mittenheim gezogen war. Es folgte nun etwa die Herausgabe des „Münchner Kalenders“, ein jährliches Kompendium über Wappenkunde, die Gestaltung von Schriftsätzen – und 1884 kreierte er in Mittenheim ein Warenzeichen für eine Münchner Brauerei: Der heute noch unverändert verwendete weiße Spaten auf rotem Grund der „Spaten-Brauerei“, damit eines der ältesten Markenzeichen der Welt.

1891 begann das Ehepaar Hupp, an der Straße zwischen Schleißheim und Mittenheim Grund aufzukaufen für ein eigenes Haus. Der Münchner Architekt Gabriel von Seidl, der Otto Hupp schon bei diversen Aufträgen zugezogen hatte, zeichnete den Bauplan in enger Abstimmung mit Hupp. Das zweistöckige Haus mit elf Metern Wandlänge war nahezu quadratisch, was einen Seidl-Biografen später an die Pavillons des Neuen Schlosses und im Umgriff des Schlosses Lustheim erinnerte.

Villa

Völlig konträr zur normalen Wohnstruktur sind in der Hupp-/Seidlschen Konstruktion nach Süden die Funktionsräume wie Diele und Toilette orientiert, Wohn- und Arbeitszimmer hingegen nach Norden, da Hupp für sein künstlerisches Schaffen keine Sonneneinstrahlung brauchen konnte. Im Gebäude gibt es kein einziges Badezimmer, dazu gingen die Naturfreunde Hupp wohl ins Freie.

Türen, Regale, Schränke oder Sitzbänke sind passgenau ins Gebäude eingefügt und durchgängig einheitlich aus grün lackiertem Holz gefertigt. Überall sind kleine Fächer und Schubladen eingelassen, in denen Hupp seine unzähligen Werkzeuge und Gerätschaften jederzeit griffbereit hatte.

Zwei Zimmer hat Hupp eigenhändig ausgemalt. Im Schlafzimmer im ersten Stock gestaltete er Wände und Decke mit Ornamenten rund um eine Ansicht von Straubing, der Heimat seiner Ehefrau. Der Schleißheimer Heimatforscher und Hupp-Experte Otto Bürger vermutet das Schlafzimmer als Vorarbeit für ein Huppsches Meisterwerk, die Ausgestaltung des Erfrischungssaals im Reichstag in Berlin, die er 1892 ausführte; der Gebäudeteil ist nicht erhalten.

Fast 20 Jahre nach dem Einzug in sein Haus bemalte Hupp noch das sogenannte Magdzimmer im Dachgeschoss mit filigranen floralen Ornamenten und seinem Wappenmotiv, dem Wiedehopf; in einer Notiz hat er auf dem Putz hinterlassen, er habe es „im Juli 1909 bei geheiztem Kamin“ gemalt. Weitere Dekorationen waren selbstgestaltete Gobelins seiner Ehefrau, die als Textilkünstlerin arbeitete.

Und als den schier unglaublich vielseitigen Universalkünstler „die fabrikmäßige Massenware nicht mehr befriedigen konnte“, erlernte er kurzerhand auch noch die Töpferei. Im Garten, nördlich des Hauses, richtete er sich die nötigen Vorkehrungen ein und „nachdem die nötige Anzahl Tonbatzen an die Wand geflogen waren, konnte ich’s und nun drehten wir mehrere Sommer lang an den Sonntagen Schüsseln und Töpfe in allen Formen“. Seither habe er in seinem Haus „ganze Wände voll Schüsseln und Töpfe und freue mich dessen heute noch”.

Das Land im Umgriff des Hauses mit der Nummer 53 kaufte das Ehepaar Hupp nach und nach auf. Einen Teil bewirtschaftete Hupp für den landwirtschaftlichen Eigenbedarf, andere Parzellen bepflanzte er großflächig mit Bäumen der Heimat. Unter anderem imkerte er auch Honig, den er am Ort verkaufte. „Der große Umfang meiner Tätigkeit", schrieb er 1927 in seinen Erinnerungen, „erklärt sich nur aus den ungewöhnlich günstigen Verhältnissen, unter denen ich arbeite".

1906 war Otto Hupp von Prinzregent Luitpold der Titel "Königlicher Professor" verliehen worden. 1929, anläßlich Hupps 70. Geburtstag, ernannte ihn Oberschleißheim „in dankbarer Anerkennung für die hochgeschätzten künstlerischen Verdienste um die Gemeinde” zum Ehrenbürger. Zu seinem 90. Geburtstag 1949 war in New York eine Einzelausstellung über sein nahezu unermessliches Gesamtwerk von hunderten Wappen über Druckgrafiken, Keramik, Briefmarken, Geldscheine bis hin zu Fresken und Medaillen geplant. Wenige Wochen vor dem Abflug zur Eröffnung starb Otto Hupp am 31. Januar 1949 in seinem Haus in Schleißheim.

Seine Ehefrau lebte noch bis 1955 darin, bis 1985 dann die Adoptivtochter Maria. In der Folge scheiterten mehrere Nutzungskonzepte für das Kleinod, ehe 1997 die Baugenossenschaft Ober- und Unterschleißheim die Immobilie erwarb. Die Genossenschaft restaurierte das Kulturdenkmal mustergültig und errichtete nebenan ihre Büroräume.

In der Hupp-Villa sind für das Alltagsgeschäft nun zwei Büros untergebracht und ein Besprechungsraum. Dazu sind in mehreren Räumen unter der Kuratie von Otto Bürger Originale von Otto Hupps Schaffen ausgestellt. Zu besonderen Anlässen gibt es Führungen durch die Villa. Der sogenannte Hupp-Wald wurde an seinen Rändern bebaut, sein Kerngebiet wurde vor wenigen Jahren von der Gemeinde Oberschleißheim als Erholungsgebiet erschlossen.

Für Heimatforscher Otto Bürger ist die Hupp-Villa „das schönste bürgerliche Schloss in Oberschleißheim“, schwärmt er, ihm gehe es „richtig ans Herz, wie schön das alles ist“. Ein Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 1997 bilanzierte „ein in Architektur, Innenausbau und künstlerischer Ausstattung stimmiges Gesamtkunstwerk”.

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