In 4500 Arbeitsstunden und mit Hightech wurden die Schlossportale nachgebildet.

Ein wenig ist das, wie wenn ein Bekannter oder Kollege eine neue Brille trägt; man nimmt wahr, dass irgendwas anders ist, ohne es vielleicht konkret benennen zu können. Am Schloss Schleißheim sind in den vergangenen Monaten ebenfalls zwei winzige Details erneuert worden, die ganz sicher nicht ins Auge stechen, aber die Wahrnehmung der Fassade durchaus verändern. Einen zweiten Blick braucht es dafür jedenfalls – aber der ist lohnend!

Etappenweise sind über Jahre die Ziergitter der Fenster an den Ost- und Westfassaden erneuert worden. Und im Sommer wurden neu geschaffene Portale in die Hauptzugänge des Schlosses eingesetzt. Damit habe die Schlossfassade nun wieder "ihr schönstes Kleid angelegt", freute sich Bernd Schreiber, der Präsident der Bayerischen Schlösserverwaltung, bei der Präsentation der Portale. Schleißheim sei damit nun "in allerfeinstem Zustand". OstportalSchloss

Womit das Schloss hinter Kurfürst Max Emanuel, seinem Erbauer, abgesperrt wurde, ist nicht rekonstruierbar. In den erhaltenen Konstruktionsplänen ist die Gestaltung von Türen kein Bestandteil; das in der Zeit Max Emanuels geschaffene Schlossmodell, das im Nordflügel ausgestellt ist, lässt in der Mitte der Fassade einen offenen Rundbogen, aus dem nicht ablesbar ist, was eigentlich geplant war.

In einer Bestandsaufnahme der Erben 1762 wurden die Portale als noch „unausgemacht“ aufgeführt. Offenbar waren die 60 Jahre zuvor nur provisorische Tore angebracht gewesen für den rein funktionalen Nutzen des Abschließens. Kurfürst Max III. Joseph, Enkel Max Emanuels, und sein 1762 neu für Schleißheim eingesetzter Verwalter Adrian La Fabrique machten sich im 17. Jahr der Regentschaft des Fürsten daran, unerledigte Restaufgaben des für den Münchner Hof längst nachrangigen Gebäudes aufzuarbeiten.

Die Einsetzung eines repräsentativen Portals stand ganz oben auf ihrer to-do-Liste. Beauftragt wurde damit Ignaz Günther. Der damals 37jährige Künstler aus Altmannstein im Altmühltal war seit 1754 als vom fürstlichen Hof privilegierter Bildhauer in München ansässig. Er schuf für die beiden Fassaden aufeinander abgestimmte Portale, wobei er das Werk am Westportal auf 1763 datierte. Die beiden Eichenholz-Tore sind jeweils 3,85 auf 3,09 Meter groß und etwa zehn Zentimeter stark, das Gewicht jedes Flügels beträgt rund 450 Kilo. Das gesamte Portal ist knapp sechs Meter hoch.

Über die Jahrhunderte haben die Witterungseinflüsse das Werk allerdings stark limitiert. Vor allem die Feinheiten der Güntherschen Arbeit waren kaum mehr wahrnehmbar. 2008 entschloss sich die Staatliche Schlösserverwaltung zur Schaffung von Kopien der beweglichen Flügeltüren, um die erodierten Originale zu ersetzen. Entwickelt wurde „ein absolut außergewöhnliches Projekt“, wie Präsident Schreiber attestierte, eine zeitgemäße Rekonstruktion im Zusammenspiel von modernster Technik mit diffizilster Handarbeit.

In der konzeptionellen Debatte entschied man sich, die Details der Arbeit in freier Gestaltung wiederherzustellen und nicht am realen Zustand der Originale zu kleben. In denkmalpflegerischen Termini ist so „eine Kopie mit Ergänzungen“ entstanden, definierte es Schreiber, „bei der es sich in Teilbereichen um eine dem Original angenäherte Interpretation handelt.“ Dennoch gaukle die Arbeit nicht historische Originalität vor, sondern sei „jederzeit ins 21. Jahrhundert datierbar“.

Gefunden werden musste zunächst mal geeignetes Holz in den benötigten Dimensionen. Fündig wurde die Schlösserverwaltung in Frankreich. Bei der Arbeitsvorbereitung in München übrigens zeigte sich kurioserweise in das Holz eingewachsen ein Granatsplitter aus dem Ersten Weltkrieg. Als Arbeitsbasis für die Nachbildung genutzt wurde ein sogenanntes „Rapid Prototyping“, ein High-Tech-Verfahren, das ein Betrieb in München anbot.

Dazu wurden zunächst die Oberflächen der Türen gescannt. Anschließend erfolgte die Ausarbeitung der Türreliefs aus dem Vollholz von einer spezialisierten Modellbaufirma mithilfe einer digital gesteuerten Fräsmaschine. Die Konturen der Darstellungen wurden bis auf ein bis zwei Millimeter „Verschnitt“ exakt herausgearbeitet, um für die bildhauerische Bearbeitung noch Material zu belassen. Diese maschinelle Vorarbeit habe den Bildhauern „etwa 50 Prozent der Arbeitszeit eingespart", schätzt Projektleiter Dr. Heinrich Piening aus dem Restaurierungszentrum der Schlösserverwaltung.

Aufgelistet wurden schlussendlich doch noch fast 4500 Stunden Handarbeit, in denen insbesondere der aus Südtirol stammende Oswald Senoner und die Oberammergauerin Margareta Binapfl die spezifische Bildschnittoberfläche Günthers nachvollzogen, dazu wirkten Martin Kutzer und Bernhard Ortner mit. Die Tore waren seit gut hundert Jahren und damit noch in weit besserem Zustand fotografisch dokumentiert, viele ursprüngliche Details ließen sich anhand der Fotos gut erschließen. Sehr wichtig sei es gewesen, „sich in die Formensprache des Originals einzudenken sowie Frische und Unmittelbarkeit der Darstellung mit leichter Hand einzufangen“, attestierte Schreiber.

"Das ist wie eine flotte Handschrift“, beschrieb es Senoner, „das muss den Schwung haben." Ausdrücklich sollte es aber die Signatur Ignaz Günthers bleiben, betonen die beiden Gestalter, man habe sich der Vorgabe untergeordnet. "Ich wollte keine eigene Handschrift reinbringen", sagt Binapfl. „Viel Souveränität“ sei für einen derartigen Umgang mit einem Kunstwerk erforderlich, würdigte der Verwaltungspräsident.

Im Spannungsfeld zwischen der modernen Neuschaffung und der ausdrücklichen Ausrichtung am Original verblieb dann beispielsweise ein von einer Frauengestalt auf den Türflügeln präsentiertes Medaillon leer, weil auf den alten Fotos partout nicht erkennbar war, welches Konterfei da gezeigt war. Und frei erfunden sollte nichts werden.

Die Motive der beiden Portale sind eine allegorische Huldigung des Auftraggebers. Kurfürst Max III. Joseph, der von 1745 bis 1777 regierte, nutzte Schleißheim nur für gelegentliche Aufenthalte. Die neuen Hauptportale sollten seine Präsenz dokumentieren. Im Bogenfeld beider Portale ist aufgrund der ehelichen Verbindung Max III. Josephs und seiner sächsischen Gemahlin Maria Anna ein bayerisch-sächsisches Allianzwappen dargestellt, flankiert vom bayerische Wappenlöwen und der geflügelten Ruhmesgöttin Fama, die mit der Posaune den Ruhm Bayerns verkündet.

Auf den Türen verewigt sind ruhmreiche Eigenschaften des Herrschers, auf dessen heroische Tugenden in der Mitte der Türe Attribute des Herkules hinweisen. Das linke Relief zeigt um den griechischen Gott Apoll, den mythologischen Schutzherrn der Künste, eine Allegorie der Künste, wobei die Bildhauerei gerade das Monogramm des Kurfürsten Max Joseph über der Jahreszahl 1763 meißelt. Rechts ist eine Allegorie der Architektur dargeboten, die Bautätigkeit des Landesherrn preisend. Das Ostportal auf der Gartenseite ist weniger symbolbeladen, sondern zeigt im direkten Bezug zum Park, in den es sich öffnet, Allegorien auf Jagd und Gartenkunst.

Die Feinheiten dieser überaus üppigen Darstellung waren zuletzt nur mehr zu erahnen. „Die angefertigten Kopien bestechen nun durch ihre Präzision und ihren wiedergewonnenen Detailreichtum“, jubelte Bernd Schreiber. Ein unmittelbarer Vergleich mit dem Zustand der Originale lässt sich ab 2019 ziehen, wenn die Güntherschen Orginaltüren im Nordflügel ausgestellt werden. Die originalen Eichenportale zählt die Bayerische Schlösserverwaltung zu ihren „bedeutendsten Kunstwerken“. Das Projekt kostete über die zehn Jahre rund 140.000 Euro plus der Arbeitszeit. Die Mooseder-Stiftung hat für die abschließenden Holzarbeiten 15.000 Euro beigesteuert. OstportalSchloss 2

Die 60 schmiedeeisernen Brüstungsgitter an den Fassaden waren seit jeher ein wesentliches Accessoire. Die Metallarbeiten in sechs verschiedenen Designs verleihen der prunkvollen Fassade erst ihren letzten Schliff. Angefertigt wurden sie noch im Auftrag von Kurfürst Max Emanuel zwischen 1724 und 1725 von Antoine Motté, der gestalterische Entwurf könnte Joseph Effner zugeschrieben werden, die Modelle für die Gussteile stammen von Guillaume de Groff. Die Münchner Hofschmiede Motté war mit ihren hoch entwickelten französischen Schmiedetechniken zwischen 1719 und 1726 eine exquisite Besonderheit östlich des Rheins.

Die Gitter, die bis zu 200 Kilogramm wiegen, sind geschmückt mit geschmiedeten Zierblättern und floralen Zierelementen aus einer Kupferlegierung, einzelne Rosetten wurden aus Bronze gegossen, Platten aus Blech geschmiedet. Restaurator Stephan Wolf von der Schlösserverwaltung lobte die Brüstungen als "von der Qualität sehr hochwertig". Durch die vielfachen Überstreichungen über die Jahre waren zuletzt keinerlei Erkenntnisse über den Urzustand mehr sichtbar, erst durch Analogieschlüsse mit Gittern aus gleicher Werkstatt, die bei Schloss Nymphenburg verwendet wurden, konnten die Restauratoren das barocke Aussehen erahnen.

1993 wurden alle 60 Stück abgeschraubt und bis 2014 nach und nach in Originalfassung restauriert. Auch die Kenntnisse über die damaligen Herstellungstechniken der wertvollen Schlosser- und Schmiedearbeit waren verloren und mussten nun erst wieder erarbeitet werden. Die Gitter wurden zunächst gereinigt und frühere Schutzanstriche sowie Korrosionsprodukte entfernt. Für die Neuanfertigung von offenkundig fehlenden Teilen wurden Formen und Spezialwerkzeuge hergestellt. Anschließend wurden die Konstruktion stabilisiert und, wo erforderlich, um Zierelemente ergänzt. Den Abschluss bildeten Anstriche und Vergoldungen, anthrazitfarben mit blattvergoldeten Zierelementen.

Die Schlosserarbeiten wurden dabei in Schleißheim selbst vorgenommen, wo die Schlosserwerkstatt der Staatlichen Verwaltung mit zwei Mitarbeitern angesiedelt ist. Hier waren die Gitter über die Jahre der Restaurierung meist auch gelagert. Allein für die fünf zentralen Brüstungsgitter vor der Gemäldegalerie, die zuletzt vollendet wurden, taxierte die Schlösserverwaltung den Restaurationsaufwand auf knapp 200.000 Euro, eine Summenzahl der Gesamtmaßnahme lasse sich angesichts der vielfältigen Eigenleistungen und der jahrzehntelangen Dauer nicht darstellen. Gestalter Motté übrigens war seinerzeit leer ausgegangen. Sowohl bei Max Emanuel als auch bei dessen Nachfolger Karl Albrecht versuchte er vergebens, aus der leeren Staatskasse sein zustehendes Salär zu erhalten. Aus Protest soll er daraufhin eine laufende Arbeit im Schloss Dachau zerstört haben.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok