Nach glücklicher Rückkehr aus dem Felde

817 Gefallene, eine Werft im Rohbau und das Ende der bayerischen Luftwaffe: Das Kriegsende 1918 auf dem Schleißheimer Flugplatz

Der Flieger Petersen hatte es überstanden. Am 10. November 1918 startete er mit seiner Fokker D VII von der Westfront des Weltkriegs in Colmar und landete nach zwei Stunden Flugzeit auf dem Militärflugplatz in Schleißheim, seinem Heimathafen. Am folgenden Morgen, am 11. November um 5 Uhr früh, wurde der Waffenstillstand unterzeichnet, der den Krieg dann faktisch beendete. Der vier Jahre andauernde Krieg hatte der jungen Technik des Fliegens gewichtige Impulse verliehen – und er hatte Schleißheim völlig verändert.

Mit drei Zelten war im April 1912 der Flugplatz der Königlich-Bayerischen Fliegertruppe auf dem Gelände des Remonte-Depots in Schleißheim aufgebaut worden, wo zuvor Militärpferde trainiert worden waren. Die bayerische Luftwaffe hatte nun hier ihr Zuhause. Der Kriegsbeginn im August 1914 verstärkte die Entwicklung zunächst zögerlich. Nachdem aber die Rolle der Luftfahrt im Kriegsgeschehen immer bedeutender wurde, setzte spätestens ab 1916 ein rasender Ausbau des Flugplatzes und seiner Kapazitäten ein. PetersenSchleissheim

In seinem Standardwerk „Die Königlich-Bayerische Fliegertruppe in Schleißheim“ von 2008 (erhältlich im Tourismusbüro) illustriert Heimatforscher Otto Bürger dies prägnant am Paketverkehr der Schleißheimer Poststelle. 1913 wurden demnach dort knapp 10.000 Sendungen umgesetzt, 1917 dann rund 84.000. Und 1921, nach dem Ende der Fliegertruppe, sank der Postverkehr dann wieder auf gut 13.000 Sendungen.

Das Schleißheimer Fliegerbataillon umfasste 1916 eine Fliegerkompanie, eine Fliegerschule und ein Korps zur Inspektion des Luftfahrwesens. Hier wurden die Militärpiloten ausgebildet und die Beobachter für die zunächst ausschließliche Verwendung der Flugzeuge zur militärischen Aufklärung. Flugzeuge wurden für den Einsatz vorbereitet und repariert. Zur Flieger- und Beobachterschule gab es noch eigene Gebäude für Funkerschulung und eine Lichtbildstelle für die Ergebnisse der Luftbildfotografie.

Schon ab 1913 waren am Bahnhof Schleißheim eigene Kapazitäten für die Erschließung des Flugplatzes angelegt worden. Im Weltkrieg wurden die Flugzeuge mit der Eisenbahn an die Front transportiert. Im spektakulären „Unternehmen Pascha“ von 1917, einer Aufklärungs-Aktion zur Unterstützung der osmanischen Verbündeten in Palästina, wurden drei Sonderzüge mit auseinander montierten Flugzeugen und Beobachtungsgerät von Schleißheim nach Istanbul in Marsch gesetzt.

Allein 1917 wurden einen Schießstand für Maschinengewehre neu errichtet, vier neue Flugzeughallen aus vorgefertigten Stahlbauteilen und acht provisorische Unterkunftsbaracken. In Schleißheim, das 1912 noch 1380 Einwohner gezählt hatte, waren 1917 schon 245 Offiziere stationiert, dazu ein Mehrfaches an Soldaten und Personal. Außer in einigen Baracken auf dem Flugplatz selbst mussten die Flieger, Flugschüler und Bedienstete vorwiegend im Ort untergebracht werden. Unter anderem wurde damals im Alten Schloss eine Holzetage eingezogen, wo Soldaten nächtigen konnten.

Der Bürgermeister von Oberschleißheim wurde 1916 damit betraut, „für weitere 200 Mann Quartier zu beschaffen“, was er mit den örtlichen Wirtshäusern bewerkstelligen wollte und mit einem Notquartier im Schulhaus. In Privathäusern mieteten sich höherrangige Offiziere ein. An der Mittenheimer Straße wurde ein Wohnhaus für Offiziere errichtet, das heute die Landesgeschäftsstelle des Fischereiverbands beherbergt. Der berühmte Künstler Paul Klee, 1916 als Soldat in Schleißheim stationiert, warnte seine Ehefrau Lily vor einem geplanten Besuch: „Ob Du Quartier bekommen wirst? Es soll alles von Fliegern überfüllt sein.“

Und für 1917 waren nochmal richtig drastische Ausbaumaßnahmen geplant. Eine Großflugzeughalle mit 75 Metern Länge sollte entstehen, eine neue Werfthalle und in Hochmutting, etwas südöstlich des Flugplatzgeländes, eine komplett neue Flugzeugmeisterei mit 25 Hallen und Produktionsstätten für Rüstungsgüter, erschlossen durch zwei eigene Bahnhöfe mit Güterhallen. PetersenSchleissheimRS

Das Kriegsende setzte all den Plänen nun eine Zäsur. Am 7. November war König Ludwig III. für abgesetzt erklärt worden, am 13. November entband er alle Soldaten von ihrem Treueeid auf den König. Die Fliegertruppe unterstand jetzt der Republik Bayern. Die Fliegerkompanien erhielten Versorgungsabteilungen, in denen die Entlassung der Soldaten abgewickelt wurde. Von 1000 Piloten der bayerischen Fliegertruppe blieb weniger als ein Drittel im Sold.

Die Großflughalle an der Allee nach München war fertiggestellt, die weit gediehenen Pläne für die Flugzeugmeisterei Hochmutting wurden gestoppt. Die neue Werft am nördlichen Kopfende des in etwa dreieckig angelegten Platzes war zum Kriegsende im Rohbau fertig und das Dach gedeckt. Sie wurde trotz Baustoffmangels in der Nachkriegszeit vollendet. Heute beherbergt sie – nach wechselvoller Geschichte - die Luftfahrtausstellung des Deutschen Museums.

Schleißheim war in der unmittelbaren Reorganisation des deutschen Militärs nach dem verlorenen Krieg als Fliegerhorst der Reichsluftwaffe vorgesehen. Der im Mai 1919 in Versailles unterzeichnete Friedensvertrag, der den Weltkrieg dann formal beendete, erzwang jedoch die Einstellung des kompletten militärischen Flugbetriebs im Deutschen Reich, die Neuorganisation kam vorerst nicht zum Tragen. Am 8. Mai 1920 wurde die bayerische Fliegertruppe aufgelöst. Diverse Gebäude auf dem Flugplatz wurden zerstört oder demontiert.

Eine heute verschollene Gedenktafel aus Schleißheim nennt für die bayerischen Fliegertruppen im Weltkrieg 817 gefallene und 43 vermisste Kameraden. 1932 wurde zu ihren Ehren im Maximilianshof des Alten Schlosses ein Kriegerdenkmal aufgestellt. Die Gemeinde Oberschleißheim ehrte mit der Ritter-von-Müller-Straße einen herausragenden Militärflieger des Weltkriegs, der in Schleißheim stationiert war. Das Foto des Fliegers Petersen liegt im Archiv des Deutschen Museums, ein baugleiches Modell seiner Fokker D VII ist in der Flugwerft ausgestellt.

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